Es ist der VW unter den Hubschraubern: Die Robinson R44. Nein, das hat natĂŒrlich nichts mit Abgas-Skandal oder Feinstaub zu tun. So, wie damals der Volkswagen als Auto fĂŒr das Volk gedacht war, hat auch die US-amerikanische Firma Robinson Helicopter mit der noch zweisitzigen R22 im Jahr 1979 den ersten “gĂŒnstigen” Hubschrauber fĂŒr das Volk auf den Markt gebracht. Anders als die meisten anderen Hubschrauber wurde er von Grund auf als ziviler Hubschrauber konzipiert. Damit hatte FirmengrĂŒnder Frank Robinson Erfolg: Die Robinson R44 ist derzeit der meistverkaufte zivile Hubschrauber weltweit.

Was kostet eine Robinson R44?

Anders als die meisten anderen Hubschraubertypen, die einen militĂ€rischen Ursprung oder zumindest militĂ€rische Verwendung haben, ist die R44 auf die BedĂŒrfnisse der zivilen Luftfahrt zugeschnitten. Der Anschaffungspreis ist mit “nur” einer halben Million US$ vergleichsweise gĂŒnstig – verkaufen Sie also einfach Ihren Lamborghini, Ihren Tesla und Ihren Maserati, schon können Sie sich das “SchnĂ€ppchen” eines gebrauchten Robinson R44 Hubschraubers leisten. Spaß beiseite – es wird schnell deutlich: Wirklich gĂŒnstig ist das Unterfangen ganz und gar nicht – es kommen ja zu den Fixkosten noch die sehr hohen Wartungs-, Sprit-, Versicherungs- und Hangarkosten dazu! Aber was nĂŒtzen Ihnen Ihre vielen Sportwagen, wenn Sie damit sowieso nur im Stau stehen? Also auf in die LĂŒfte! Doch schauen wir uns den Hubschraubertyp Robinson R44 etwas genauer an.

Wieviel Platz bietet eine Robinson R44?

Die R44 hat Platz fĂŒr bis zu vier Personen, von denen einer der PIC, also der “Pilot in Command” ist. Zu deutsch ist das der “verantwortliche LuftfahrzeugfĂŒhrer”. Dabei hat jeder Fluggast einen Fensterplatz. Das ist ĂŒbrigens auch einer der GrĂŒnde, warum wir besonders gerne die R44 fĂŒr unsere RundflĂŒge an den vielen Standorten (hier eine Übersicht ĂŒber unsere Rundflug-Standorte) einsetzen: Niemand muss in einer hinteren Sitzreihe in der Mitte sitzen und sich dabei denken “toll, ich sehe einen Hubschraubersitz von hinten”. Stattdessen kann jeder seine Nase an die Scheibe drĂŒcken oder den Kopf in ein Bubble-Window stecken. In einem anderen Beitrag erklĂ€ren wir, was ein Bubble-Window genau ist.

Die verschiedenen Robinson R44 Modelle

Es gibt die Robinson R44  in mehreren Modellen: Astro, Raven I, Raven II, Cadet und Clipper sind die Modellnamen, mit denen Robinson Helicopter seine R44 voneinander unterscheidet. Von außen sind sie fĂŒr den Laien nicht zu unterscheiden – ein Facelift, wie es die Automobilhersteller gerne verwenden, um neue Modelle zu bewerben ist in der Luftfahrt aufgrund der sehr aufwĂ€ndigen Zulassungsverfahren nicht sinnvoll und deshalb nicht ĂŒblich.

Die R44 Astro ist die erste Version der R44 Produktreihe. Ihr Erstflug fand Ende MĂ€rz 1990 statt. Sie wird von einem 6-Zylinder Boxermotor mit Vergaser angetrieben. Charakteristisch ist in dieser frĂŒhen Version die fehlende hydraulische Steuerung. Das ist vergleichbar mit einem PKW ohne Servolenkung. Ohne diese Hydraulik spĂŒrt man als Pilot die SteuerkrĂ€fte direkt in den HĂ€nden bzw. Armen, was viele Piloten – mich eingeschlossen – sehr zu schĂ€tzen wissen. Man kann richtig eins werden mit der Maschine und spĂŒrt die an der Maschine auftretenden KrĂ€fte beim Fliegen in den eigenen Muskeln. Nach acht Stunden Flug wĂŒnscht man sich dann aber doch die Hydraulik, die beim Steuern Kraft spart – Ă€hnlich wie eine Servolenkung beim Auto. Die Hydraulik wurde beim Nachfolgemodell, der R44 Raven I, die markanteste Neuerung. Inzwischen gibt es seit einigen Jahren auch die R44 Raven II, bei der der Vergasermotor der bisherigen Baureihen durch einen leistungsstĂ€rkeren Motor mit Benzineinspritzung ersetzt wurde. Neben der höheren Startleistung, wodurch ab diesem Modell auch Klimaanlagen als optionaler Sonderwunsch angeboten werden konnten, erhöht sich der Komfort fĂŒr den Piloten weiter, da er sich keine Gedanken mehr um die potentielle Vereisung des Vergasers machen muss. Da bei  Astro und Raven I ein Motor mit Vergaser verbaut war und dadurch bei entsprechenden Bedingungen die Gefahr der Vergaservereisung gegeben war, musste bei diesen Modellen manuell eine VergaservorwĂ€rmung an die entsprechende Flugsituation angepasst werden.

Hubschrauber Robinson R44 Cockpit Aussicht

Blick aus dem Cockpit einer Robinson R44 im Flug

Inzwischen gibt es mit der R44 Cadet auch eine Schulungs- beziehungsweise Cargo-Version der R44, die fĂŒr zwei Personen mit grĂ¶ĂŸerem GepĂ€ck oder fĂŒr den Materialtransport zugeschnitten wurde und die sehr kleine 2-sitzige R22 ersetzen soll, dadurch aber fĂŒr unsere RundflĂŒge nicht relevant ist.

Hubschrauber, die fĂŒr den Einsatz ĂŒber Wasser und fĂŒr Landungen im Wasser geeignet sind, tragen statt “Raven” den Beinamen “Clipper”. Der markanteste Unterschied sind die an den Kufen angebrachten Schwimmer. Hier gibt es große, stĂ€ndig aufgeblasene Kunststoff-Schwimmer, die den Nachteil eines deutlich erhöhten Luftwiderstandes haben, sowie eine kleinere Version, die im Normalfall zusammengefaltet an der Kufe befestigt ist und im Bedarfsfall vom Piloten Ă€hnlich eines Airbags aktiviert werden kann. Letztere Schwimmer werden als “Pop Out Floats” bezeichnet. Eine R44 Clipper ohne diese Schwimmer-Vorrichtungen verrĂ€t Kennern, zu denen auch Sie jetzt zĂ€hlen, Ihre IdentitĂ€t durch zusĂ€tzliche Positionslichter oben an der Verkleidung des Hauptrotormastes.

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Der Lycoming O540 Boxermotor (Quelle: Lycoming)

Der Motor: Lycoming 540

Angetrieben wird die Maschine von einem luftgekĂŒhlten “Lycoming O540” 6-Zylinder Kolbenmotor. Das O steht fĂŒr “Opposed cylinder engine” – es handelt sich also um einen Boxermotor. Die Zahl 540 steht fĂŒr den Hubraum in Kubikzoll. Umgerechnet sind das beinahe stolze 9 Liter Hubraum! Da der Motor im Flug mit einer nahezu konstanten Drehzahl von 2718 Umdrehungen pro Minute lĂ€uft und durch den großen Hubraum ein großes Drehmoment zur VerfĂŒgung steht, kommt die R44 mit “nur” 205 PS im normalen Reiseflug aus. FĂŒr den Start dĂŒrfen bei Astro und Raven I bis zu 225PS, bei der Raven II sogar bis zu 245PS genutzt werden. Der Motor könnte auch höhere Leistungen bis ĂŒber 260PS erbringen, wird aber auf die angegebenen Werte begrenzt, um die Lebensdauer und damit die Betriebssicherheit zu erhöhen. Dieses Verfahren zur Schonung des Motors wird als “Derating” bezeichnet: Der Motor könnte mehr leisten – soll er aber nicht, damit er lĂ€nger und vor allem zuverlĂ€ssiger arbeiten kann.

Da es sich um einen normalen 4-Takt Ottomotor handelt, könnte der Motor sogar mit normalem Benzin betrieben werden. FĂŒr maximale Sicherheit ist aber die Verwendung des sehr hochwertigen AvGas 100LL vorgeschrieben. AvGas ist dabei die AbkĂŒrzung fĂŒr Aviation Gasoline, also Flugbenzin. 100LL steht fĂŒr 100 Oktan, leicht verbleit (low lead). Dieses spezielle Benzin ist sehr klopffest und somit ein sehr sicherer Treibstoff. Der Motor der R44 mit seinen knapp 9 Litern Hubraum schluckt wĂ€hrend eines normalen Fluges etwa einen liter AvGas pro Minute.

hubschrauber robinson R44 Raven II lycoming540 boxermotor

Funktionsweise eines Boxermotors (oben) im Vergleich zu einem V-180° Motor.
Quelle: Wikipedia, Von MichaelFrey – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=41100218

Der Haupt- und Heckrotor

Mit Hilfe des aus zwei BlĂ€ttern bestehenden Hauptrotors und des ebenfalls zweiblĂ€ttrigen klassischen Heckrotors hebt sich die Maschine in die Luft. Dabei besitzt nicht nur die R44, sondern auch jedes andere Modell von Robinson Helicopter zwei HauptrotorblĂ€tter und zwei HeckrotorblĂ€tter. Das fĂŒhrt oft zu großer Verwunderung bei unseren FluggĂ€sten: Haben Hubschrauber nicht immer vier RotorblĂ€tter? Nein, zwischen zwei und 8 HauptrotorblĂ€ttern gibt es die unterschiedlichsten Bauweisen. Es gibt Leute, die behaupten, man könne mit nur einem Rotorblatt nĂ€her an die Felswand fliegen, aber das ist bitte unbedingt als Witz 🙂 einzuordnen! In einem unserer nĂ€chsten Blog-BeitrĂ€ge erfahren Sie mehr darĂŒber, warum verschiedene Hubschrauber unterschiedlich viele RotorblĂ€tter besitzen.

Die Rotordrehzahl betrĂ€gt ungefĂ€hr 15% der Motordrehzahl, die primĂ€r durch das Hauptgetriebe von 2718 auf 408 Umdrehungen pro Minute untersetzt wird. Der Heckrotor dreht sich nicht viel langsamer als der Motor mit 2426 RPM (RPM = revolutions per minute = Umdrehungen pro Minute). WĂŒrden Motor und Heckrotor mit derselben Drehzahl laufen, kĂ€me es zur gegenseitigen Schwingungsanregung, also zu einem sogenannten Resonanzfall. Starke Vibrationen bis hin zur Zerstörung des Hubschraubers könnten die Folgen sein. Gott sei Dank haben die Ingenieure aber mitgedacht und die Heckrotordrehzahl sinnvoll ausgelegt.

Die vergleichsweise niedrige Drehzahl des Hauptrotors fĂŒhrt zusammen mit dem Rotordurchmesser von gut zehn Metern dazu, dass sich die RotorblĂ€tter an deren Ă€ußeren Ende mit einer sogenannten Blattspitzengeschwindigkeit von 773,6 Kilometer pro Stunde bewegen. So schnell wie ein Verkehrsflugzeug! Kommt nun noch die Fluggeschwindigkeit des Hubschraubers selbst dazu, wird das Rotorblatt, das sich jeweils gerade nach vorne bewegt, fast mit Schallgeschwindigkeit angeströmt! Unter bestimmten Voraussetzungen kann es in der Strömung sogar zu einzelnen Überschallbereichen kommen. Dabei spricht man von transsonischer Anströmung – zur Rotoraerodynamik aber in einem zukĂŒnftigen Beitrag mehr.

Die Drehzahl des Heckrotors ist im Vergleich viel höher als die des Hauptrotors, allerdings ist sein Durchmesser auch deutlich geringer: Die knapp 1,5m Heckrotordurchmesser fĂŒhren zu einer Blattspitzengeschwindigkeit von 673,7 km/h – beinahe so schnell wie die Blattspitzen des Hauptrotors.

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Resumé

Insgesamt kann man also ĂŒber die R44 sagen: Der Robinson R44 Hubschrauber ist klein, aber fein! Er ist in der Anschaffung mit ca 500.000 US$ im Vergleich zu anderen Hubschraubern, die nicht selten mehrere Millionen Euro kosten, vergleichsweise gĂŒnstig. Das gleiche gilt fĂŒr den Flugbetrieb. Trotzdem ist er schnell, wendig und verbraucht vergleichsweise wenig Sprit. Durch die Möglichkeit, den Heli in einer langen hohen Garage zu “parken” bietet sich fĂŒr HubschrauberverhĂ€ltnisse natĂŒrlich eine sehr kompakte Unterbringungsmöglichkeit. Zwar hat nicht jeder einen Hubschrauberlandeplatz – ein Helipad – mit R44-Garage im Garten, aber auch in einem normalen Hangar benötigt die Maschine nur wenig Platz. Zu guter Letzt ist natĂŒrlich fĂŒr RundflĂŒge wichtig: Die Sicht nach draussen. Alle FluggĂ€ste (und sinnvoller Weise auch der Pilot) haben einen Fensterplatz! Durch die großen, bis weit nach unten gezogenen Frontscheiben und das recht kompakte Instrumenten-Panel ist auch der Blick nach vorne und nach unten sehr frei.  Ein idealer Rundflug-Hubschrauber.

Robinson R44 Technische Daten

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R44 Astro R44 Raven I R44 Raven II
Hydraulische Steuerung Nein Ja
Gemischerzeugung Vergaser Direkteinpritzung
ZĂŒndung Zwei vom Motor mechanisch angetriebene ZĂŒndmagneten
max. Fluggeschwindigkeit 240 km/h (130kt)
Reisefluggeschwindigkeit 185 km/h (100kt)
maximale Flughöhe 4270m (14000 ft)
Maximale Abflugmasse 1089 kg 1134 kg
Leermasse (je nach Ausstattung) ca 658 kg ca. 680kg
Reichweite je nach Wind und Beladung ca. 550 km Luftlinie
Treibstoff AvGas 100 LL (Flugbenzin 100Oktan, Low Lead)
Hubraum 540 inÂł = 8,85l
Leistung (abgeregelt) 225 PS Takeoff / 205 PS Dauerleistung 245 PS Takeoff / 205 PS Dauerleistung
Motor-Drehzahl 2718 RPM (45,3 /s)
Hauptrotor-Drehzahl 408 RPM (6,8 /s)
Heckrotor-Drehzahl 2426 RPM (40,44 /s)
Hauptrotor Blattspitzengeschwindigkeit 773,6 km/h
Heckrotor Blattspitzengeschwindigkeit 673,7 km/h
Durchmesser Haupt- & Heckrotor 10,06 m / 1,473 m
LĂ€nge mit Rotoren 11,659 m
Höhe mit Rotoren 3,277 m
Breite 2,184 m (= Breite BMW X5)